Das waren ungewöhnliche Designs, bei denen eigens von Vox entwickelte Pickups und Hardware zum Einsatz kamen. Vox meinte es offensichtlich ernst und hatte ordentlich Zeit und Geld investiert, um sich mit innovativen Features und einem eigenen Klang am Markt zu positionieren. Funktioniert hat das leider nicht, sodass die Produktion nach einigen Jahren eingestellt wurde. Im Netz gibt es widersprüchliche Aussagen zum Zeitfenster, aber man kann in etwa davon ausgehen, dass die Virage-Gitarren von 2009 bis 2012 produziert wurden. Ich bin gerade in Schreiblaune und trage mal kurz und knapp die Modelle zusammen. Shoutout an dieser Stelle an voxshowroom.com, die wahrscheinlich beste Ressource zu diesen Gitarren im Internet.
Virage Semi-Hollow Single Cutaway & Virage Semi-Hollow Double Cutaway (2009-2011)


Am Anfang der Serie stehen diese beiden halbakustischen Modelle, die Vox schlicht "Virage" taufte. Die Gitarren wurden in Japan hergestellt und kosteten entsprechend bei Einführung auch stolze 2.500 bis 3.000 US-Dollar. Bei der Konstruktion des Korpus ging man neue Wege und entwarf das sogenannte "Tonebar"-System. Statt des üblichen Sustain Blocks finden sich hier zwei durchgehende Holzbalken im Inneren der Gitarre, auf denen die Studs der Brücke montiert werden. Laut Marketingmaterialien soll das zur perfekten Balance zwischen Hollowbody- und Solidbodyklang führen. Die Mensur von 638 mm liegt mitten zwischen Fender und Gibson, ist aber interessanterweise auch noch einmal 3 mm länger als die einer klassischen PRS.
Die Brücke ist ein justierbarer Einteiler aus Aluminium, der ein bisschen so aussieht, als hätte man einer Tune-o-Matic einen Saitenaufhängungs-Spoiler spendiert. Vox nannte das Design "Full Contact" (später "Max Connect") und verbaute derartige Brücken auf ausnahmslos allen Virage-Modellen. Die Mechaniken mit den wellenförmigen Flügeln sind ebenso ein eigenständiges Design, das sich durch die komplette Virage-Serie zieht. Später wurden die von Vox "Super Smooth" getauft.
Auch die Pickups sind Vox-Eigenentwicklungen. Die "Three-90"-Tonabnehmer sind brummfreie Pickups mit drei Rail-Magneten, die sich unter Zuhilfenahme von Spulenanzapfungen und analogen EQ-Filtern grob in die Richtungen Humbucker, P-90 und Singlecoil verbiegen lassen. Diesen Ansatz verfolgte Vox ebenfalls durch die komplette Virage-Palette, aber die Three-90-Pickups finden sich nur hier.
Beide Gitarren waren in Cherry, Blonde, Vintage Sunburst und Schwarz erhältlich. Je nach Farbe wurden unterschiedliche Hölzer verwendet (Mahagoni, Esche oder Mahagoni mit Esche-Decke).
SSC-33/SDC-33 (2010-2012)


Die Solidbody-Modelle SSC (Singlecut) und SDC (Doublecut) wurden ein Jahr nach den ursprünglichen Virage-Modellen eingeführt, um die Produktpalette nach unten hin abzurunden. Die 33er-Serie stellte dabei den preislichen Einstieg dar. Gefertigt in Indonesien, mit simplen Dot Inlays und ohne viel Schnickschnack. Der Straßenpreis lag bei ca. 699 US-Dollar.
Neu sind die CoAxe-Pickups, die von hier an das Three-90-Design ablösen. Auch die CoAxe-Pickups sind auf Flexibilität und geringe Nebengeräusche ausgelegt und verfügen über drei Spulen, wobei die dritte Spule um die anderen beiden Spulen gewickelt ist und als Dummy Coil agiert. So verstehe zumindest ich das Konzept.
Im Gegensatz zur Virage und den höherwertigen Modellen 55, 77 und 99 lassen die 33er-Modelle nur zwei Klangvariationen zu. Mittels Minischalter lässt sich eine Spulenanzapfung der CoAxe-Pickups aktivieren, um einen Singlecoil-artigen Klang zu erzielen.
Beide Modelle konnte man als Goldtop, in Schwarz oder im rötlichen Teaburst bekommen, die SSC-33 zudem in Vintage Cream und die SDC-33 in Transparent Red. Im Verlauf der Jahre kamen noch die Finishes Silver Top und Blackburst dazu. Wie bei der Virage wurden je nach Lackierung unterschiedliche Deckenhölzer verwendet. Deckend lackierte Modelle bekamen Ahorn-Decken, transparent lackierte Modelle Esche-Decken. Allerdings wurde dies während der Produktion hin und wieder geändert, sodass es z. B. auch Goldtop-Modelle gibt, die komplett aus Mahagoni bestehen.
SSC-55/SDC-55 (2010-2012)


Die 55er Modelle sind den 33ern sehr ähnlich, wurden aber in Korea gefertigt. Dazu bekommt man auffälligere Inlays, die das Wellenmotiv der Stimmflügel aufgreifen. Es scheint mir nach einiger Bilderrecherche auch wahrscheinlich, dass für die 55er Modelle besser gematchte und stärker gemaserte Decken verwendet wurden. Das machte sich dann auch im Straßenpreis bemerkbar, der bei ca. 1000 US-Dollar lag.
Die CoAxe-Pickups erlauben ab der 55er-Serie neben den Humbucker- und Singlecoil-Sounds auch noch einen P-90-artigen Sound, der über eine Spulenanzapfung und einen analogen Klangfilter realisiert wird. Dazu lässt sich der Klang für jeden Pickup getrennt einstellen. Bei den 33er Modellen gibt es dafür nur einen Master-Schalter.
Die 55er-Modelle gab es zur Einführung in den gleichen Farben wie die 33er Modelle, später dann aber auch in Burst Finishes mit furnierten Decken aus geflammtem Ahorn.
HDC-77 (2010-2012)

Die HDC-77 war so etwas wie die kleine Virage Double Cutaway, nur eben in Korea gefertigt und mit den spitzen Hörnern der SDC-Modelle ausgestattet. Auch die ungewöhnliche Konstruktion mit dem Tonebar-System findet sich wieder. Ansonsten sind die Zutaten wie bei den Solidbody-Gitarren: Einteiler-Brücke, CoAxe-Pickups, pro Pickup einzeln schaltbare Klangverformung mit den Klangzielen Humbucker, P90 und Singlecoil. Der Straßenpreis bei Einführung lag bei ca. 1.400 US-Dollar.
Die HDC-77 ist das einzige Virage-Modell, das wirklich noch gefragt ist. Prince war von 2012 bis zu seinem Tod regelmäßig mit zwei HDC-77 zu sehen und Prince-Fans sind ziemlich irre, was seine Gitarren angeht. Siehe z. B. auch die teils heftigen Preise zu denen Hohner Mad Cats auf dem Gebrauchtmarkt verkauft werden.
Die Gitarre war in Siennaburst, Ivory, Blackburst und Transparent Red zu haben. Es gab zudem einige Limited Runs, z. B. eine wirklich schicke Variante mit Koa-Decke. Die regulären Modelle hatten Decken und Böden aus laminiertem, geflammtem Ahorn.
HDC-99 (2011-2012)

Die HDC-99 ist der 77er sehr ähnlich, verfügt aber über die abgerundeten Cutaways der originalen Virage. Sie wurde ebenfalls in Korea gefertigt und unterscheidet sich sonst nur in zwei Details von der 77er. Das Griffbrett besteht statt aus Palisander aus Ebenholz und die Decke ist aus laminiertem Wölkchenahorn statt aus geflammtem Ahorn. Der Straßenpreis bei Einführung dürfte um 1.600 US-Dollar gelegen haben.
Die Gitarre war in zwei Farben zu haben: Sunburst und "WineBurst", ein violett schimmerndes, sehr dramatisches Burst.
Virage II Semi-Hollow Single Cutaway & Virage II Semi-Hollow Double Cutaway (2011-2012)


Die Virage II ist eher ein Serien-Refresh als ein wirklicher Nachfolger der originalen Virage-Modelle. Die "Three-90"-Pickups wurden 2011 durch die CoAxe-Pickups ersetzt, wahrscheinlich um das Lineup zu vereinheitlichen. Es kann auch gut sein, dass die CoAxe-Pickups günstiger zu produzieren waren...
SDC-22 (2011-2012)

Die SDC-22 erschien kurz vor Ende der Produktion und sollte wohl am ganz unteren Rand der Preispalette einige Anhänger für Vox gewinnen. Das in Indonesien gefertige Doublecut-Modell bekam die Einteilerbrücke und die Mechaniken der teureren Modelle spendiert, hatte aber statt der CoAxe-Pickups die sogenannten XLM-Pickups ("Xtra Loud Mini") an Bord. Analog zu den anderen Modellen verfügt die SDC-22 über einen Master-Schalter, der den Pickups eine zweite Klangfarbe abgewinnt. Wie das vonstatten geht, konnte ich nicht herausfinden, eine Spulenanzapfung ist hier ebenfalls wahrscheinlich. Der Neupreis dürfte bei ca. 400 US-Dollar gelegen haben.
Die Gitarre wurde in Red, White, Sunburst und Black verkauft.
Ja und jetzt?
Der eine oder andere Leser mag sich fragen, warum ich das jetzt eigentlich alles aufschreibe. Eine berechtigte Frage mit einer sehr simplen Antwort: Diese GItarren sind ziemlich cool!
Die anfangs erwähnte SSC-33 habe ich aus purer Neugier gekauft und jetzt seit einigen Stunden bei mir. Alles ist noch sehr frisch und honeymoonig, darum würde ich ungern direkt ein Review schreiben, aber das ist ein ernstzunehmendes Instrument und mit die beste preiswerte Fernost-Gitarre, die ich bisher hatte. Perfekt verarbeitet, wunderbar verrundete Bünde, spielt sich wie ne 1. Diese CoAxe-Pickups sind feinzeichnend, schmatzen aber auch schön. Am ehesten würde ich die mit Firebird-Pickups vergleichen. Sie sind vielleicht auch den großen MFD-Pickups von G&L nicht unähnlich, haben aber nicht den wahnsinnigen Output, den diese Teile bieten.
Ich werde hier die nächsten Wochen noch ein bisschen mehr zur SSC-33 ergänzen, aber es lohnt sich echt, nach diesen Gitarren Ausschau zu halten. Zumal die auch wirklich nicht teuer weggehen. Schaut mal über den Tellerrand!


