
Die Korpusform der Jet ähnelt der Les Paul, ist aber etwas größer und minimal in die Länge gezogen; der Mahagoni-Korpus mit seiner Ahorn-Decke ist derart großzügig gechambered, dass er als Semi-Akustik mit Sustain-Block ohne F-Löcher betrachtet werden kann.
Der Hals, dessen Profil offiziell einem flachen U nacheifert, aber auch durchaus einem breiten "D" ähnelt, ist ebenfalls aus Mahagoni gefertigt und weist ein Walnuss-Griffbrett auf, wobei oben verlinkte Website auch von Lorbeer spricht. Mir isses latte, solange es gut klingt und sich nicht scheiße anfühlt.

In Sachen Elektronik erwartet uns Gretsch-Standard: Ein Volumen je Tonabnehmer, Master-Volumen wie -Tone und ein 3-Weg-Toggle-Switch; that's all.

Klingt bis hierhin alles sehr technisch und nüchtern? - Klar, Du weißt ja auch noch nicht, wie die Jungfrau zum Kinde gekommen ist
Als ich das erste Mal gesehen habe, was Gretsch da für den amerikanischen Musikalienhändler angefertigt hat, dachte ich, das sei für den Custom Shop: Aber nein, tatsächlich Electromatic-Serie!

Also erschwinglich, sährr ghodt! - Doch der Bummer gleich hinterher: Limited Edition und eben exklusiv für Kunden von Chicago Music Exchange zum Preis von knappen 600 Dollarlein; so 'ne Kacke, da komme ich ja nie dran!
Zumindest dank Zoll wie Steuern nicht klar unterhalb von 1000€; und damit war der Traum dann ausgeträumt.
Bis vor ca. einem halben Jahr eine solche Schönheit in den Kleinanzeigen auftauchte und ich mich sofort an ihre Fersen geheftet hatte; leider musste ich Honk noch handeln, und über diesen Prozess hat jemand anderes sie dann gekauft!

Und wenn wir viele solcher Objekte recht schnell wieder vergessen können, war das bei dieser Gitarre anders: Sie blieb mir in den Kopf zementiert, so dass „Gretsch“ seitdem wieder ein täglicher Suchbegriff, Routine wurde.
Bis zum letzten Wochenende, da tauchte doch tatsächlich ein weiteres Exemplar in den kleinen Anzeigen, allerdings zur finanziellen Unzeit, auf!

(alle Bilder vom Vorbesitzer, dem ich an dieser Stelle nochmal herzlich danken mag!!!)
Egal, solch seltene Gelegenheiten wollen beim Schopfe gepackt werden! - Also Kontakt aufgenommen und mich meines Fehlers vom letzten Mal erinnert: Nicht feilschen!
Aber da das Gehirn „nicht“ bekanntermaßen nicht denken kann und ich mich überdies großer Unbelehrbarkeit rühme, bin ich dann doch mit eigenem Gebot ins Gespräch gegangen – und belohnt worden!
Und nach einer sehr spannenden DHL-Lieferung gestern, die allein für sich schon wieder 'ne kleine Story wert wäre, ist sie nun hier bei mir: Endlich!
Und sie ist so schön und makellos verarbeitet wie sie auf den Bildern rüber kommt: Der 50er-Jahre-Cadillac-Traum einer Gitarre!!!
Mit 3,6kg hält sich das Gewicht in tolerablen Grenzen; auch klanglich wird so ein gutes Gleichgewicht zwischen Korpusmasse und hohlem Klangraum geschaffen, das ein Klangbild zur Folge hat, welches durch trockenen, perkussiven Attack bei saftigem Sustain geprägt ist; ein toller Spagat, den es so nicht allzu häufig anzutreffen gibt und der mich trocken ein wenig an meine ehemalige Gibson Les Paul Classic Antique, ebenfalls stark ausgehöhlt, erinnert.
Der elektrische Sound der 5230 ist dank Filtertrons dennoch ein anderer: Chimey, strahlend, mit toll-clickendem Anschlag, twangig am Steg, seidig-holzig mit dennoch Transparenz und Glas in der Neck-Position – das kann bereits clean begeistern, cruncht ganz hervorragend mit hohem Wiedererkennungswert wie auch herrlich frischen Höhen und macht Dir bei Bedarf sogar das Rock- bis Metal-Brett (s.u.)!
Die "elektrische Note" ist es, was diese Gitarre für Gretsch-Afficionados so interessant machen kann: Weniger Raunen, Raum und Tiefe, dafür Strahlkraft, Biß und süße Glas-Glocke am Hals; diese auf den ersten Blick widersprüchlich wirkende Melange aus Kante und Geschmeidigkeit, Dreck und Eleganz. Und eben jede Menge Elektro-"Zzzzzinnnnnggggg!!!".
Ein Wort zur Bespielbarkeit: Der Vorbesitzer hat hier ausgelotet, was möglich ist und die Saitenlage so tief wie überhaupt möglich eingestellt, was nun nicht meiner Präferenz entspricht, aber aufweist, wie gut der Fret-Job hier tatsächlich ist: Derart präzise abgerichtet ist hier keine andere Gitarre, egal in welcher Preisklasse; das kommt mir wie geplekt vor!
Auch ist der Hals mathematisch gerade, was selten auch musikalisch ist; hier ist es tatsächlich möglich, das perfekte Verhältnis einzustellen. Ja, wie, was mache ich denn jetzt mit meinen China-Vorurteilen...?
Ernsthaft, das hier ist eine wirklich sehr gute Gitarre, die nur wenig Wünsche – in meinem Fall nach einer Vibrationsmöglichkeit, die ich zukünftig wohl mit einem Duesenberg LesTrem befriedigen werde – offen lässt; selbst der avisierte Tonabnehmerwechsel zu Dynasonics hin ist dank der Performance der Blacktop-Filtertrons zumindest nicht pressierend, da das Klangbild hier ebenfalls höchst befriedigend und eben typisch gretschig ausfällt.
Somit sind die Bedenken des Farbkäufers, dem Großen Gitarristen sei Dank,vollends ausgeräumt: Nicht nur optisch, sondern auch haptisch wie klanglich ein echtes Juwel, dessen Wert ich so bei 800€ verortet und mich über 1500€ nicht erschrocken hätte.
Und auch wenn der Hals mit seinen dünnen Bünden nicht allzu dicke ausfällt, so hat die U-Form doch etwas, was ich sehr ansprechend finde.
Fazit: Sieht 1a aus wie Gretsch, klingt 1a nach Gretsch und fühlt sich allerbestens an; die G5230 bekommt von mir sowohl Höchstnoten als auch eine absolute Kaufempfehlung!
Und sollte sie auch in dieser Farbe nicht mehr erhältlich sein, so bietet auch das Standard-Modell, welches auf den lyrischen Namen „5220“ hört, dieselben Features.
Eine gute Alternative für den Rocker, der sowohl mehr Klingel/Chime im Klangbild haben als auch auf Druck/Chug nicht verzichten mag; der Rocka- wie Psychobilly weiß ja bereits um die Qualitäten dieser Gitarren, und auch der Populärmusiker findet hier eine spannende Alternative zu Fender und Gibson.
Und wer mit Chrom-Hardware und Shell Pink parat kommt, findet hier eine ähnlich optisch upulente Gretsch mit denselben Specs: https://ww2.musicworldbrilon.de/gretsch ... -pink.html
Lieben Gruß,
Batz.
Hier zu hören:
Und hier die Double Cut-Schwester:
